-+ Eine Auseinandersetzung mit dem Ich in der digitalen Welt *-.

Wer mich auf meinen Social Media Kanälen verfolgt oder befreundet ist, sollte schon etwas von der lichtsicht Projektions-Biennale gehört haben. Zumindest habe ich mir Mühe gegeben. Und obwohl ich schon zwei Mal vor Ort in Bad Rothenfelde war, habe ich die Projektionen noch nicht live erlebt. Heute soll sich das ändern.

Was ich erwarte

Wenn man sich so lange darauf vorbereitet, hat man natürlich Erwartungen. Bei Einbruch der Dunkelheit starten die Beamer in Bad Rothenfelde, was für die Gradierwerkswände einer Art Erweckung gleichkommen muss. Ich war ja schon mal da. Ich bin einmal drumherum gelaufen. Die dunklen, teils elf Meter hohen Reisigwände sind nicht still, das meine ich nicht. Es rieselt gemächlich. Ein warmer Klangteppich aus Rauschen und Tröpfeln verdrängt jede Hecktik. Ein guter Ort, nicht nur zum Aus- und Einatmen, sondern auch zum Denken.

Wenn heute die Farben und Formen aus dem Wänden (und aus einer Wasserfontaine) steigen, werden noch andere da sein. Gemeinsam mit der lichtsicht bin ich Mitveranstalter des #lichtsicht Tweetup. Wir twittern, was ich auch gern beschreiben möchte als: wir denken gemeinsam. Das klingt interessant. Und zugegeben anspruchsvoll.

Worauf ich mich freue

Definitiv auf alles! Wenn es jetzt hier im Zug auch noch Kaffee gäbe, dann, ja dann. Heute morgen passte es von der Zeit her nicht mehr. Oder ich habe es tatsächlich einfach vergessen. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Dementsprechend freue ich mich auf den Zwischenstop Bielefeld. Was es wohl doch zu geben scheint. 😉

In Bad Rothenfelde angekommen werde ich den Tag genießen. Mittagessen, Ein- und Ausatmen, mich warmtwittern. Und ich werde schaue, was ich noch über die Künstler herausfinden kann. William Kentridge, Ryoji Ikeda, Rosalie, Holger Förterer, Tim Otto Roth usw.. Viel weiß ich bisher noch nicht und immer wenn ich einen Bericht gelesen habe und es so klang als müsste ich davon schon vor der lichtsicht gehört haben, zahlte das in ein Bedürfniskonto ein. Ein Bedürfnis, dass sie mir endlich erzählen, wer sie sind. Ich werde in einem Café sitzen, suchen, lesen, entdecken. Ich glaube, es kann keinen besseren Moment geben.

Noch mal besonders freue ich ich mich auf die interaktiven Werke. Der Feuerwall scheint besonders zu beeindrucken. In mehreren Videos, die ich gesehen habe, war der Blick auf das Inferno das Einstiegsbild. Es gibt eine App für Android, mit der man selbst Fotos hochladen kann, um sie zu verbrennen. Dem Künstler geht es darum, dem Foto in einer Welt der permanenten digitalen Reproduktion seine Einmaligkeit zurück zu geben. Die Fotos, die man hochlädt, werden gleichzeitig vom Telefonspeicher gelöscht.

Ob das aufgeht, frage ich mich. Ich werde mir auf alle Fälle ein Auge von Mordor besorgen und ein Foto davon auf Facebook posten. Das ergibt eine kontroverse Diskussion. In der Kunst kennen wir die Einzigartigkeit, sie wird manchmal geradezu gebraucht, um Kunst überhaupt erkennen zu können. In der Natur ist alles Einzigartige entweder sowieso leblos oder zum sterben verdammt. Nur was viele Anknüpfungspunkte hat und nur was Reproduktion ins System einbaut, bleibt auch erhalten. Technik ist weder Natur noch so richtig Kunst, aber das verschiebt sich. Immer mehr in Richtung Natur.

Ungesehen würde ich behaupten, der Feuerwall erinnert uns daran, was wir tun. Und er öffnet ein wichtiges Fenster zum gemeinsamen Diskurs. Der Versuch etwas auf der Bühne zur Einzigartigkeit zu erheben, wird aber failen, denke ich. Denn die Bühne war schon immer eher ein Brutkasten und die ganzen kleinen Babies die da raus fallen, sind sich oft sehr ähnlich. Nicht selbst fast wie kopiert. Zumindest äußerlich. Vielleicht will uns das der Feuerwall genau darauf hinweisen. Er will uns helfen uns zu befreien vom Ballast, nicht von der Kopie. Denn das, was wirklich einzigartig ist. war schon immer und bleibt ein Leben lang. Das heißt, höchstens ein Leben lang. In unserem Kopf.

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(Foto: Uwe Lewandowski)

veröffentlicht am 28. November 2015